Das österreichische Wort des Jahres 1999

Das Österreichische Wort des Jahres wurde in diesem Jahr zum ersten Mal gewählt. Grundlage dafür war eine Befragung unter JournalistInnen der Austria Presseagentur, dem Partner des ÖWORTs.

Wort des Jahres 1999

SONDIERUNGSGESPRÄCHE

Ergebnis

SONDIERUNGSGESPRÄCHE
 
PROPORZ - HALBJAHRHUNDERTWORT
 

Begründung

  • Wort (Nr. 1)
  • Wort (Nr. 2)

Die Gründe für diese Wahl waren einerseits die große Häufigkeit in Zeitungsmeldungen (1336 Artikel in 2 Monaten) sowie der Umstand, dass es sich hier um einen typisch österreichischen Gebrauch des Wortes handelt.
Das ursprünglich aus dem Bereich der Wissenschaft und Diplomatie stammende Fachwort kam durch die Wortwahl des Bundespräsidenten binnen zweier Monate gewissermaßen „aus dem Nichts in aller Munde“. Es wurde in dieser kurzen Zeit zu einem Wort der österreichischen Allgemeinsprache, wobei es durch die politischen Umstände auch eine aktuelle österreichische Zusatzbedeutung bekam:
Die ursprüngliche Bedeutung von „Gespräch, bei dem die Haltung des Gesprächspartners zu bestimmten Themen herausgefunden werden soll“, wandelte sich im spezifischen politischen Kontext der Regierungsbildung und durch den Auftrag an den amtierenden Bundeskanzler zu „Gespräche, die die Haltung möglicher Regierungspartner zu bestimmten Themen zeigen sollen, ohne dass mit diesen vom Gesprächsführer eine Regierung gebildet werden darf.“ Das erschien vielen unklar, einigermaßen widersprüchlich und in der Zielrichtung unverständlich, obwohl das Wort in seiner unmittelbaren Bedeutung durchaus mit Begriffen wie „freundliches Aufeinander zu gehen“ und „konziliantes Gespräch“ assoziiert wird.
Das Wort wird von uns aufgrund dieser Widersprüchlichkeit auch als sehr „österreichisch“ eingestuft – nach außen hin freundlich, konziliant, in seiner genauen Zielsetzung jedoch unklar und gegensätzlich.
Das Wort hat darüber hinaus den politischen politischen Diskurs der letzten Monate wie kein anderes beherrscht und ist auch symptomatisch für die Widersprüchlichkeit und Unklarheit der derzeitigen politischen politischen Situation in Österreich und damit würdig zum „österreischischen Wort des Jahres 1999“ gewählt worden zu sein.

Ernsthafte Konkurrenz hatte „Sondierungsgespräche“ nur von „Millennium“, das aber in den Nennungen durch die Mitglieder der erweiterten Auswahlkommission weit abgeschlagen blieben.

Die JURY

Als Jury haben wir angesichts des Jahrhundertwechsels, quasi als „Fleißaufgabe“ noch Überlegungen zum österreichischen „Jahrhundertwort“ angestellt, jedoch nur ein „Halbjahrhundertwort“ gefunden: Es ist eindeutig und unbestritten „Proporz“.

Wir finden, dass dem eigentlich keine nähere Begründung und Erläuterung hinzugefügt werden muss, da der „Proporz“ die österreichische Politik und das Sozialleben wie kein anderer Begriff seit 1945 geprägt hat. Deshalb ist es auch nur ein „Halbjahrhundertwort“, da im politischen Leben zuvor ja das genaue Gegenteil der Fall war.

Der Proporz ist als Regierungsbildungsprinzip auch in zahlreichen Verfassungen österreichischer Bundesländer verankert und bestimmt, daß alle politischen Parteien, gemäß ihrem Stimmenanteil in der jeweiligen Landesregierung vertreten sein müssen.

Auf der Bundesebene bedeutet dieser Begriff, dass die jeweils miteinander koalierenden Regierungsparteien Absprachen in bezug auf Postenvergabe und Ämterbesetzung treffen und Posten nicht unbedingt (nur) nach dem Prinzip der besten fachlichen Eignung vergeben werden, sondern Parteizugehörigkeit eine wichtige Rolle spielt.

Wir meinen, dass das Wort daher ein würdiger Kandidat für den Titel „Halbjahrhundertwort“ ist.

Unwort des Jahres 1999

SCHÜBLING

Begründung

  • Unwort (Nr. 1)

 

Die Wahl von „Schübling“ zum „österreichischen Unwort des Jahres 1999“ fiel uns als Jury leicht – es war das mit Abstand am meisten Genannte.

Daneben gibt es starke Gründe, die mit der Bedeutung des Wortes zusammenhängen:

Das aus der Verwaltungs- und Polizeisprache stammende Wort ist gleichbedeutend mit „Schubhäftling“, drückt aber eine viel stärkere Entpersonalisierung, Verdinglichung und Verniedlichung der so bezeichneten Person aus, die damit auch als passiv und behandelbar dargestellt wird.

Auch schwingt eine negative Zusatzbedeutung mit (siehe Rohling, Widerling, Lüstling, etc.), obwohl nicht alle so gebildeten Wörter eine negative Zusatzbedeutung haben (Firmling, Liebling usw.). In jedem Fall wird der so bezeichnete „Gegenstand“ verkleinert, niedlicher, „netter“ gemacht. Wesentlich ist, daß durch die mitausgedrückte Entpersönlichung, der so bezeichnete „Schubhäftling“ zu einem „Ding“, zu einer „zu behandelbaren Sache“ gemacht wird. Daß damit eine zwangsweise aus dem Land entfernte Person bezeichnet wurde, geht durch den verhüllenden Charakter des Wortes völlig verloren.

Das Wort bezeichnet in Westösterreich auch eine Art „Knackwurst“. Das ist in Ostösterreich zwar so gut wie unbekannt und hat bei seiner Verwendung als Bezeichnung von Schubhäftlingen auch keine Rolle gespielt, doch wird dadurch die negative Bedeutung des Wortes zusätzlich verstärkt.

 

Rudolf Muhr 1999-heute © All rights reserved.