Das österreichische Wort des Jahres 2000

Eine Vorwahl gab es in diesem Jahr noch nicht, sondern eine Sammlung von Wörtern, die durch Nennungen von JournalistInnen und aufgrund der Recherche in Zeitungen zustande kam.

Wort des Jahres 2000

SANKTIONEN

Ergebnis

SANKTIONEN
 
Nulldefizit
 
Widerstand
 

Begründung

  • Wort (Nr. 1)
  • Wort (Nr. 2)
  • Wort (Nr. 3)

Die große Häufigkeit in Zeitungsmeldungen: In den 32 österreichischen Tageszeitungen und Magazinen, die ausgewertet wurden, kam das Wort selbst 16.773 mal vor. Nimmt man noch die Zusammensetzungen (z.B. EU-Sanktionen) dazu, erscheint das Wort insgesamt 25.355 mal in 18.692 Artikeln.

Das Wort bzw. der damit verbundene Begriff dominierte die österreichische Innenpolitik und die europäische Politik gegenüber Österreich von Mitte Feber bis weit in den Herbst hinein. Es erlangte damit in allen Bereichen des öffentlichen Lebens umfassende Bedeutung und wurde in den Medien auch als „causa prima“ tituliert.

Es markiert als Begriff einen der massivsten Einschnitte im politischen Leben der 2. Republik und steht für weitreichende psychologische Wirkungen auf die gesamte Bevölkerung, wie auch für die internationale Isolierung Österreichs. Das macht es zu einer österreichischen Sache, wenngleich seine Wirkungen über Österreich weit hinausgehen.

Es hat auch besondere sprachliche Qualitäten, indem es Kern einer großen Zahl von neuen Wortschöpfungen ist, von denen ein Großteil erst im heurigen Jahr entstanden ist: z.B. Sanktionenbefürworter, Sanktionenschmäh, Sanktionenbilanz, Sanktionenbund, Sanktionendarama, Sanktionenfalle, Sanktionenkarussel, Sanktionsfront, Sanktionscausa, Sanktionsführer, Sanktionsgesten, Sanktionenkrimi, Sanktionenpalaver, Sanktionenvorhang, Sanktionenwettlauf, Sanktionenbonus, Sanktionenprofiteur, Sanktionenregimes, Sanktionensackgasse, Sanktionenshow, Sanktionenspuk, Sanktionenerreger, Sanktionsfranzosen, Sanktionsgenossen, Sanktionsgequälte … usw.

Anzumerken ist auch, dass die ursprüngliche Doppelbedeutung der Wörter „sanktionieren/Sanktion“ von „eine Handlung/Sache gut heißen“ und „ein Verhalten bestrafen“, im spezifischen politischen Kontext des Jahres 2000 gänzlich auf die zweite Bedeutung reduziert wurde.

Graz, 11.12.2000 – Die Jury

 

Unwort des Jahres 2000

soziale Treffsicherheit / treffsicher

Ergebnis

soziale Treffsicherheit / treffsicher
 
HUMP-DUMP
 
Vernadern / Vernaderung
 

Begründung

  • Unwort (Nr. 1)
  • Unwort (Nr. 2)
  • Unwort (Nr. 3)

1. Die erweiterte Auswahlkommission stellte es weit vor allen anderen „Unwörtern“ an die erste Stelle.
2. Seine besondere Qualität als „Unwort“ bekommt es vor allem durch seine negative Mehrdeutigkeit. Der Ausdruck wird üblicherweise im militärischen Bereich verwendet und ist eine Metapher für erfolgreiches Kämpfen. Mit diesen aggressiven Nebenbedeutungen, die eher Konfrontation als Kooperation implizieren, passt es kaum als Begriff für den Diskurs im sozialpolitischen Bereich, der in der Regel darauf gerichtet ist, gesellschaftliche Gegensätze zu vermindern.
3. Ein Unwort ist es auch wegen seiner stark verhüllenden Verwendung. Vordergründig wird damit ja ausgedrückt, dass bisherige soziale Maßnahmen, die „ungenau“ waren, indem sie auch „Nichtberechtigten“ zugute kamen, „treffsicherer“ und damit „gerechter“ gemacht würden. Nicht unmittelbar ausgedrückt wird jedoch, dass bisherige Sozialleistungen gestrichen oder gekürzt werden. Das scheint aber bei zahlreichen sozialpolitischen Maßnahmen der derzeitigen Regierung der Fall zu sein, sodass damit das Gegenteil des „eigentlich“ Ausgedrückten getan wurde, was als Irreführung der Öffentlichkeit interpretiert werden kann.
4. Ausschlaggebend war auch die Häufigkeit seiner Verwendung. Es ist eines der am häufigsten verwendeten Begriffe des gegenwärtigen politischen Diskurses in Österreich, indem es in 3046 Zeitungsmeldungen des Jahres 2000 insgesamt 3280 mal vorkommt.

Konkurrenz hatte das „Unwort des Jahres 2000“ von „Hump-Dump“, das auf den zweiten Platz kam – und von „Vernaderung/vernadern“, das auf dem dritten Platz landete.

1. Hier handelt es sich um ein UN(sinn)WORT im eigentlichen Sinn, denn „normale“ Wörter haben einen Sinn. Diese beiden Wörter haben weder einen Sinn, noch gibt es sie im Österreichischen Deutsch oder in irgend einem anderen Deutsch. Sie wurden von ihrem Schöpfer aus Verlegenheit erfunden, ohne dass er je hätte angeben können, was sie bedeuten. Dabei ist es bis heute geblieben.

2. Als Unwort kann es wohl auch deshalb betrachtet werden, weil das vermutlich tatsächlich Gesagte damit verhüllt bzw. abgestritten wurde, obwohl Ohrenzeugen das Gegenteil zu berichten wussten.

3. Die beiden Un(sinn)Wörter beflügelten die österreichische Journalistik in bisher ungeahnter Weise, indem daraus zahlreiche kühner Neuschöpfungen kreiert wurden, wie z.B. Chefhump, Landeshumpmann, Humpazivagabundus, Dumpazivagabundus, Hump-attacke, Humpdumps, Humpback, Humpelfilzchen, Verhumpdumpung, Humpt/ Gehumpt/Ausgehumpt, Humpdumpisierung, Herumgehumpedumpe, Humpdumppuff, Humpftata, Humpfklub, Dumphumperfinders, Humpdumpvereinigung usw.

1. Das Wort wird im politischen Diskurs schon länger verwendet. Einen absoluten Höhepunkt erreichte sein Gebrauch in der allgemeinen österreichischen Öffentlichkeit aber im heurigen Jahr. Das ursprünglich der privaten, persönlichen Kommunikation vorbehaltene Wort wurde zuerst im Zusammenhang mit den EU-Sanktionen und bald danach auch in der Innenpolitik zu einem zentralen Kampfbegriff des politischen Diskurses.
2. Als Unwort ist es vor allem deshalb einzustufen, weil damit Handlungen der politischen Opposition bzw. Tätigkeiten juristischer Behörden massiv negativ markiert wurden, indem diesen unterstellt wurde, bei ihrem Vorgehen von böswilliger, persönlicher Absicht geleitet zu sein. Das demokratische Grundprinzip der Meinungsfreiheit und das Prinzip der gesetzeskonformen Vorgangsweise von Behörden wurde damit in bisher unbekannter Weise in Frage gestellt.
3. Kennzeichnend für das Wort ist auch seine aggressive, abwertende Bedeutung.
4. Seine sprachliche Spezifik besteht vor allem darin, dass es ein genuin österreichisches Wort ist, das ursprünglich nur in Wien und in der Region um Wien gebräuchlich war. Es ist synonym mit „denunzieren“/“schlecht machen“ und kam erst durch die Verwendung von Wiener Politikern in den allgemeinen österreichischen Sprachgebrauch.

 

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