Das österreichische Wort des Jahres 2003

Wort des Jahres 2003

HACKLERREGELUNG

Ergebnis

HACKLERREGELUNG
44
-reform
44
Die kranken Kassen
21

Begründung

  • Wort (Nr. 1)
  • Wort (Nr. 2)
  • Wort (Nr. 3)

Für die Wahl von Hacklerregelung zum Wort des Jahres 2003 waren drei Gründe ausschlaggebend:

(1) Das Wort ist ein Neuwort (Neologismus), das aus der Verbindung von „Hackler“ und „Regelung“ entstanden ist. Es trat in der öffentlichen Sprache Österreichs erstmals Ende 2002/Anfang 2003 auf und entwickelte sich schnell zu einem zentralen Begriff der Diskussion rund um die Pensionsreform.

(2) Das Wort ist ein echter Austriazismus (österreichspezifisches Wort), das eine rasante und interessante Entwicklung durchlaufen hat. Es war in seiner Grundform urspünglich nur in der gesprochenen regionalen Sprache Ostösterreichs beheimatet, wo es in der Form „hackeln“ (manuell schwer arbeiten) bzw. „Hackler“ (Arbeiter, der manuell schwere Arbeiten verrichtet) vorkommt. Binnen kürzester Zeit hat es sich jedoch zu einem allgemein gebräuchlichen und akzeptierten Begriff der österreichischen Verwaltungssprache entwickelt. Daran zeigt sich auch die Produktivität des Österreichischen Deutsch, das seinen Bestand an eigenständiger Lexik laufend aus seinen regionalen Varianten erweitert. Der offizielle, gesetzlich verankerte Terminus ist „Schwerarbeiterregelung“. (Daten zu diesem Wort finden Sie hier.)

(3) Es wurde von den InternetwählerInnen neben dem Wort „Reform“ vor allen anderen Wörtern gereiht, was vermuten lässt, dass den WählerInnen die besondere sprachliche Qualität des Wortes als Neuwort und Austriazismus bewusst war.


Graz, 17.12.2002 – Die Jury

 

(1) Dieses Wort bzw. Worteleemt wurde zuerst und vor allem aufgrund der großen Zahl der damit gebildeten Wörtern gewählt. Im Jahr 2003 fanden sich in den österreichischen Tages- und Wochenzeitungen nicht weniger als 948 einzelne Begriffe mit dem Bestimmungswort -reform, die Sie hier anschauen können. Diese Wörter kommen in den Zeitungen insgesamt 46.337 mal vor (wobei in dieser Zahl die abgewandelten Formen noch gar nicht enthalten sind.)

(2) Darüber hinaus hat das Wort auch einen österreichspezifischen Aspekt, da die gesamte öffentliche Diskussion während des Jahres 2003 von verschiedenen „-reformen“ geprägt war. Die inflationäre Verendung und die als zu gering empfundene Konsensbereitschaft der Regierung haben dazu geführt, dass der an sich positive Begriff von vielen heute negativ gesehen wird und stark polarisiert. Er wurde von den Online-WählerInnen zugleich als „Unwort“ an die 2. Stelle gewählt.

 

 

Dieser Ausdruck stellt ein gelungenes Wortspiel und eine originelle Umdeutung des festen Begriffs „Krankenkassen“ (= Kassen für Kranke) dar und eine Doppelbedeutung bekommt:  Die Krankenkassen werden selbst zum Patienten und sind nicht mehr die Helfer für andere, da sie selbst krank geworden sind.

(2) Bei der Internetabstimmung nahm es den 6. Platz ein

 

Unwort des Jahres 2003

BESITZSTANDSWAHRER

Ergebnis

BESITZSTANDSWAHRER
16
Harmonisierung
8
aus der Bundesbetreuung entlassen
 

Begründung

  • Unwort (Nr. 1)
  • Unwort (Nr. 2)
  • Unwort (Nr. 3)

(1) Bei diesem Wort handelt es sich um ein klassisches Unwort, da es die Täter-Opfer-Rolle umdreht: Der Begriff wird von den Besitz-HABENDEN derzeit dazu verwendet, um jene zu als „Reformverhinderer“ und „Privilegienritter“ zu verunglimpfen, die tatsächlich keinen Besitz haben und sich bloß dagegen wehren, dass ihre Pension oder ihr Lohn verringert oder ihre Arbeitsbedingungen verschlechtert werden.

(2) Der Ausdruck stammt ursprünglich aus dem Bereich der Beschreibung adeliger Besitzverhältnisse: „Die adelige Familie xy konnte den Besitzstand wahren.“ Damit wurde ein in diesem Kontext als positiv angesehenes und gesellschaftlich anerkanntes Verhalten beschrieben.  Dieses Verhalten wird heute ökonomisch schlecht gestellten Gruppen vorgeworfen, wenn sich diese erlauben, gegen die Maßnahmen der Regierung zu protestieren.

(3) Das Wort wurde von den Online-WählerInnen an die erste Stelle gewählt.


Graz, 17.12.2003 – Die Jury

(1) Die Jury betrachtet auch dieses Wort als klassisches Unwort, weil es sich auch in diesem Fall um einen verhüllenden Ausdruck handelt, der oberflächlich betrachtet, eine positive Bedeutung zu haben scheint (Vereinigung, einvernehmliche Angleichung etc.), in Wirklichkeit jedoch bedeutet, dass den Betroffenen eine deutliche Verschlechtung ihrer künftigen Pensionen droht. Die an sich positive Grundbedeutung des Wortes wird zur Verschleierung negativer politischer Maßnahmen verwendet und die Betroffenen damit in die Irre geführt.

(3) Das Wort erhielt bei der Internetwahl den 6. Platz.

(1) Der Charakter als  Unwort ist auch hier gegeben, indem es sich bei diesem Ausdruck um einen klassischen Euphemismus (verhüllendes, schönfärberisches Wort) handelt: Üblicherweise werden „Gefangene“ „entlassen“, was für die meisten vermutlich ein positives Ereignis darstellt. Im vorliegenden Fall verhüllt der Ausdruck jedoch den Umstand, dass die von der „Entlassung“ betroffenen Asylwerber auf die Straße geworfen und ihrem Schicksal überlassen werden.

(2) Der Ausdruck steht in einer langen Reihe ähnlicher Wörter und Formulierungen, die im Kontext der Ausländer- und Flüchtlingsproblematik von Behörden und Ministerien regelmäßig dazu verwendet werden, um massive Verstöße gegen die Obsorgepflicht des Staates gegenüber Hilflosen zu verschleiern.

Spruch des Jahres 2003

Kinder statt Parties

Ergebnis

Kinder statt Parties
 

Begründung

  • Spruch (Nr. 1)

(1) Dieser SPRUCH wurde in Österreich 2003 zum geflügelten Wort und viel diskutiert. Er rief besonders bei der Jugend große Empörung  und bei anderen Kopfschütteln hervor, da er ein ungerechtfertigtes Pauschalurteil über die Jugend ausdrückt und völlig gegen die Erkenntnisse der Sozialwissenschaften steht. Demnach sind vor allem die fehlenden  Kinderbetreuungseinrichtungen und die fehlende Ganztagsschule die Hauptgründe dafür, dass besonders Frauen daran gehindert werden, Kinder und Beruf miteinander zu kombinieren, wodurch sie (oft aus finanziellen Gründen) notgedrungener Weise auf eigene Nachkommen verzichten.

(2) Die Äußerung von Ministerin Gehrer lautete zwar: „Ein Teil der jüngeren Generation rauscht von Party zu Party, der Kindernachwuchs stellt aber keinen Wert mehr dar“, doch wurde diese in der öffentlichen Diskussion auf ihre Kernaussage „Kinder statt Parties“ reduziert.

(3) Der Spruch wurde von den InternetwählerInnen mit großem Abstand in verschiedenen Varianten (bis hin zu „Discos statt Pampers“) an die erste Stelle gewählt.


Graz, 17.12.2003 – Die Jury

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