Das österreichische Wort des Jahres 2007

Wort des Jahres 2007

BUNDESTROJANER

Ergebnis

BUNDESTROJANER
235
gruscheln
 
Raucheroase
 

Begründung

  • Wort (Nr. 1)
  • Wort (Nr. 2)
  • Wort (Nr. 3)

(1) Das Wort verweist in knapper Form und zugleich auf pointierte Weise auf aktuelle Entwicklungen im gegenwärtigen öffentlichen Leben unseres Landes, die höchst umstritten, aber offizielle staatliche Politik sind. Sie bestehen im Versuch staatlicher Stellen, unter Verweis auf Verbrechens- und Terrorismusprävention zu ständig neuen gesetzlichen Mitteln der unkontrollierten Überwachung der gesamten Bevölkerung zu greifen, „wenn bestimmte Tatsachen die Annahme einer konkreten Gefahrensituation rechtfertigen“1.

(2) Das Wort ist zudem ein Symbol für die mit der sog. „Gefahrennotwehr“2 verbundene Relativierung bzw. Aufhebung von bisher verbrieften Grundrechten und die beabsichtigte staatliche Verwendung von Programmen zum Ausspionieren und Überwachen privater Computer ohne Wissen des Besitzers – was bisher lediglich von illegal operierenden Hackern vorgenommen wurde. Hiermit macht sich der Staat diese zuvor illegalen Vorgangsweisen zu eigen, legalisiert sie für sich und entzieht sie weitgehend der Kontrolle der Justiz.

(3) Die Tragweite dieser und anderer höchst kontroversieller Überwachungsmaßnahmen scheint vielen BürgerInnen noch nicht bewusst zu sein. Das Wort wurde von der Jury einstimmig zum Wort des Jahres 2007 gewählt.

1+2  Zitiert aus dem Antrag der beiden Regierungsparteien: http://futurezone.orf.at/it/stories/242015/

Diese interessante Neubildung aus grüßen + kuscheln entstand ursprünglich in Deutschland im Rahmen der Internet- und Informationsplattform studivz, die für Studenten gedacht ist und auch bei österreichischen Studierenden sehr beliebt geworden ist.

Das Wort beschreibt dort die freundliche Kontaktaufnahme mit anderen Mitgliedern der Plattform, die über das formelle Kontaktieren hinausgeht und mit noch unbekannten Mitgliedern der Plattform einen vertrauteren Umgang anstrebt.

Der Ausdruck verweist auch darauf, dass durch die neuen Kommunikationsformen des Internets neue Formen der Kontaktaufnahme und Beziehungsstiftung und damit verbundene Sprachneuschöpfungen entstehen und der Verbreitung dieser neuen Wörter keine Grenzen gesetzt sind.


Graz, 10.12.2007 – Die Jury

Dieses Wort ist eine wunderbar widersprüchliche Neubildung – stellt man sich unter einer Oase doch ein Refugium aus sauberer Luft, Palmen und saftig grünen Wiesen inmitten einer unwirtlichen Umwelt vor.

Tatsächlich beschreibt das Wort durch die Einschränkungen des Rauchens in der Öffentlichkeit jedoch einen Ort, an dem das Rauchen weiter erlaubt ist sowie Ansammlungen von Leuten, die dem Rauchen weiter frönen und damit das Gegenteil von sauberer Luft und der Umwelt in „echten“ Oasen bewirken.

In übertragener Bedeutung könnte es auch für ein ganzes Land verwenden werden, in dem noch liberalere Rauchergesetze als anderswo gelten, und das damit als Ganzes zu einem Zufluchtsort für Raucher wird.


Graz, 10.12.2007 – Die Jury

Unwort des Jahres 2007

KOMASAUFEN

Ergebnis

KOMASAUFEN
470
gendern
127
Kindergeldsünder
37

Begründung

  • Unwort (Nr. 1)
  • Unwort (Nr. 2)
  • Unwort (Nr. 3)

Dieses Wort wird dadurch zum Unwort des Jahres, da es eine negative gesellschaftliche und soziale Entwicklung stark skandalisiert und zu einem individuellen Problem desorientierter und schlecht betreuter junger Menschen macht.

Es schiebt den Opfern dieser negativen Entwicklungen die Verantwortung zu und trägt dadurch zu deren Stigmatisierung bei, ohne dass die tieferen sozialen Gründe für dieses Verhalten auch nur angesprochen oder gelöst werden.


Graz, 10.12.2007 – Die Jury

Dieses Lehnwort aus dem Englischen steht ursprünglich für Maßnahmen, die die Gleichberechtigung der Frauen in der Gesellschaft fördern und Diskriminierungen abbauen sollen.

Zum Unwort wird es nicht durch die Sache, sondern allein durch die gegenwärtige Praxis von Firmen, Institutionen und Behörden, die die Gleichberechtigung von Frauen vielfach auf sprachliche Maßnahmen reduzieren und damit zu einer reinen Alibihandlung machen.

Der Begriff und damit verbundene Maßnahmen ändern in der gegenwärtigen Praxis allerdings nichts an der deutlich geringeren Bezahlung oder an den schlechteren Aufstiegschancen für Frauen. Eine an sich gute Sache, die auf die Gleichstellung von Mann und Frau abzielte, wird so aufgrund der Praxis in ihr Gegenteil verkehrt, gleichzeitig aber der Anschein von Gleichberechtigung erweckt.


Graz, 10.12.2007 – Die Jury

Dieses sehr österreichische Wort macht KindergeldbezieherInnen, welche die Höchstverdienstgrenze überschritten haben, zu Sündern, obwohl sie in gutem Glauben gehandelt haben.

Tatsächlich haben sie lediglich den Aussagen eines Ministers der früheren Regierung geglaubt, dass die Höchstverdienstgrenzen nicht kontrolliert und damit nicht gelten würden. Dass der Minister damit öffentlich zum Gesetzesbruch aufgerufen hat, blieb ohne Folgen für ihn, nicht aber für die KindergeldbezieherInnen ab dem Zeitpunkt als die Nachfolgerin des Ministers die gesetzlichen Bestimmungen überprüfen ließ.

Zum Unwort wird dieses Wort daher durch die politischen Umstände, die viele Kindergeldbeziehende zu Gesetzesbrechern („Sündern“) werden ließen.


Graz, 10.12.2007 – Die Jury

Spruch des Jahres 2007

"The world in Vorarlberg is too small."

Ergebnis

"The world in Vorarlberg is too small."
 

Begründung

  • Spruch (Nr. 1)

Hier entschlüpfte dem früheren Berufspolitiker Hubert Gorbach ein wahres Wort. Für Berufswechsler mit einem gewissen Ambitionsniveau ist die Rückkehr in die Enge eines früheren Tätigkeitsbereichs sicherlich mehr als schmerzhaft.

Und dies um so mehr als sich die Einengung im Falle des besagten Politikers mit Österreichs kleinstem Bundesland verband, das für ihn in starkem Kontrast zu den Weiten der hohen Politik zu stehen scheint.

Das kam für viele in Österreich einigermaßen überraschend, denn schließlich weiß man seit langem: „Small is beautiful!“ (Schumacher 1973, Wirtschaftswissenschaftler)


Graz, 10.12.2007 – Die Jury

Unspruch des Jahres 2007

"Wir säubern Graz!"

Ergebnis

"Wir säubern Graz!"
 

Begründung

  • Unspruch (Nr. 1)

Dieser Spruch könnte der harmlose Werbeslogan einer Putzfirma sein.

Zum UN-Spruch wird er jedoch dadurch, dass es sich dabei um das politische Programm einer wahlwerbenden Partei handelt, die Graz von „unerwünschten“ Menschen säubern will und damit sowohl in der Wortwahl, als auch von den Absichten her auf Zeiten zurückgreift, die als überwunden galten.

Und ganz offensichtlich wird Graz dadurch nicht „sauberer“, sondern einmal mehr wird hier die Ausgrenzung und Enthumanisierung von Menschen zum Programm gemacht.


Graz, 10.12.2007 – Die Jury

Rudolf Muhr 1999-heute © All rights reserved.